Drei Beispiele

28. Jun 2013

Jeder Fall von Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung ist anders und hat viele Facetten. Diese Beispiele veranschaulichen, dass die Grenzen zwischen „normaler" Arbeitsausbeutung und Menschenhandel fließend sind. Deshalb lohnt es sich bei auch bei nicht eindeutigen Anzeichen, eine Beratungsstelle zu kontaktieren.

Auf dem Bau in Berlin
Ende 2011 suchte ein Mann aus Litauen das Berliner Beratungsbüro für entsandte Beschäftigte auf. Er war zwei Monate zuvor, angelockt durch ein im Internet gefundenes Arbeitsangebot, nach Deutschland gekommen. Eine Abbruchfirma aus Berlin suchte mit Hilfe eines russischsprachigen Vermittlers Bauhelfende. Gemeinsam mit dem Arbeitsverhältnis wurde von dem Arbeitgeber außerdem eine Unterkunft angeboten. Die Arbeitnehmenden wurden bei einem, dem Anschein nach in die Geschäfte des Arbeitgebers verwickeltem Vermieter in einem Wohnheim untergebracht. Die Arbeitszeiten überschritten eindeutig die gesetzlichen Normen. So arbeiteten die Betroffen täglich von 7.00 bis 19.00 Uhr. Des Weiteren arbeiteten sie ohne Arbeitsschutz, so haben sie zum Beispiel Glaswatte und Asbestmaterialien mit den bloßen Händen gesammelt, während nebenan für die gleiche Firma deutsche Arbeitnehmende in voller Arbeitsschutzausrüstung tätig waren. Da der betroffene Arbeitnehmer und seine Landsleute über mehrere Wochen nur geringe Abschlagszahlungen und keinen vollständigen Lohn erhalten hatten, weigerten sie sich nach zwei Monaten, weiter zu arbeiten. Am gleichen Tag teilte der Vermieter ihnen mit, dass das Mietverhältnis abgelaufen sei und sie das Wohnheim sofort zu verlassen haben. Von den betroffenen Arbeitnehmenden reisten 15 Personen daraufhin sofort nach Litauen ab, acht weitere blieben und wollten trotz der Bedrohungen des Vermieters die Wohnung nicht verlassen. Von dem für den Arbeitgeber tätigen Vermittler und Vermieter wurden sie daraufhin massiv bedroht. Der Beratungssuchende gab an, auch im Namen seiner betroffenen Kolleginnen und Kollegen in die Beratungsstelle gekommen zu sein. Er war als Einziger im Besitz eines schriftlichen Arbeitsvertrags und diesen hatte er nur aufgrund einer Kontrolle des Zollamtes, die auf der Baustelle stattgefunden hatte.

In der Landwirtschaft in Bayern
Der Besitzer einer Erdbeerplantage in Bayern beschäftigte zeitweise über 100 rumänische Arbeitnehmende für die Erdbeerernte. Die Arbeitnehmenden wurden von ihm in Wohncontainern auf der Plantage untergebracht. Auf neun Quadratmetern Fläche wohnten bis zu vier Arbeitnehmende. Für die Unterbringung hatte der Besitzer pro Nacht drei Euro vom Lohn abgezogen. In den Wohncontainern herrschten unhygienische Zustände und die Müllcontainer daneben wurden nicht geleert. Es fehlte an genügend Wasseranschlüssen und Waschräumen, die mobilen Toiletten waren nach zwei Wochen das erste Mal geleert worden. Die rumänischen Erntehelferinnen und -helfer, die kein Deutsch sprachen, waren von einem württembergischen Agenten angeheuert und für die Arbeit auf der Plantage vermittelt worden. Sie hatten daraufhin Scheinverträge erhalten, deren Bedeutung sie nicht kannten. Statt des versprochenen Stundenlohns von 5,10 Euro erhielten sie einen Stundenlohn von 1,00 Euro bis 1,20 Euro, der sich nach der gepflückten Menge errechnete. Die rumänischen Erntehelferinnen und -helfer wurden quasi zur Nachlese auf die Felder geschickt, nachdem zuvor die polnischen Erntehelferinnen und -helfer schon beim Pflücken gewesen waren. So hätten die Arbeitnehmenden nur wenig Erdbeeren pflücken können und das, obwohl sie täglich bis zu dreizehn Stunden arbeiten mussten. Vor Hunger seien einige in der Nachbargemeinde zum Betteln gegangen, wie eine 31-jährige Zeugin die Umstände später vor Gericht schilderte. Als sie Hunger hatten, habe ihnen der verurteilte Mitangeklagte gesagt, sie sollten Erdbeeren essen. Nachbarn hatten den Rumäninnen und Rumänen daraufhin Brot geschenkt.

In der Gastronomie und im Haushalt
Eine Äthiopierin wurde von einem Restaurantbetreiber angeworben. Während anderthalb Jahren arbeitete sie mehr als 100 Stunden in der Woche als Köchin in einem Restaurant in Berlin und im Haushalt des Restaurantbetreibers, von sieben Uhr morgens bis nachts um eins oder zwei. In der ganzen Zeit erhielt sie lediglich 500 Euro. Die Köchin, eine Witwe mit drei Kindern, wurde 2004 in Addis Abeba angeworben. Sie war Analphabetin und sprach kein Deutsch, ihr wurde jedoch ein Vertrag vorgelegt, der ihr 200 Dollar im Monat bot und keine Angaben zur Arbeitszeit machte. Da diese Summe nicht für einen Aufenthaltstitel als Spezialitätenköchin ausgereicht hätte, hatte ihr Arbeitgeber für die deutschen Behörden daher einen zweiten Arbeitsvertrag vorbereitet, in dem ihr ein angemesseneres Gehalt geboten wurde. Die Äthiopierin erhielt daraufhin ein Visum für eine Anstellung als Spezialitätenköchin in dem Berliner Restaurant. Der Arbeitgeber versprach ihr auch Kost und Logis sowie ärztliche Versorgung. Er und seine Ehefrau schüchterten die Köchin ein, nahmen ihren Pass weg und verlangten, dass sie für die Kosten des Fluges aufkäme. Sie drohten der Köchin, sie nach Hause zu schicken, und behaupteten, die deutschen Behörden würden sie auf jeden Fall zurückschicken, wenn sich die Köchin an diese wenden würde, oder sie gar schlagen, foltern oder töten.
 

Die Beispiele sind aus dem im Rahmen des Projektes „Berliner Bündnis gegen Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung" erstellten Trainingshandbuch entnommen.

Weiterlesen: Wie erkenne ich Menschenhandel zur Arbeitsausbeutung?